Hafen
Mein Tag in Olbia: Sardiniens leiser Hafen und warum ich den Costa Smeralda-Trip nicht gemacht habe
Als die AIDAnova morgens in Olbia anlegt, mache ich zum ersten Mal auf dieser Reise etwas Ungewöhnliches: ich bleibe im Bett liegen. Nicht weil ich müde bin — sondern weil ich heute nichts mehr beweisen muss.
Olbia ist mein fünfter Hafen in sechs Tagen. Palma, Civitavecchia, ein Seetag, jetzt Sardinien. Ich habe Kathedralen fotografiert, ich habe Pasta in kleinen Trattorien gegessen, ich habe mir selbst Postkarten geschickt. Heute will ich einfach nur einen Tag in einem kleinen italienischen Hafen verbringen, ohne Plan, ohne Kolosseum-Ersatz, ohne Instagram-Moment.
Ich habe den AIDA-Ausflug „Costa Smeralda & Porto Cervo" nicht gebucht. 89 € für einen Bus, zwei Luxus-Strände und eine Jachthafen-Besichtigung. Ich habe stattdessen zehn Euro für ein Wasser und zwei Espressi ausgegeben, und es war der beste Hafentag meiner Reise.
Warum ich gegen die Costa Smeralda entschieden habe
Jede Reisebüro-Broschüre für Sardinien zeigt dieselben Bilder: weiße Jachten, türkises Wasser, Porto Cervo mit seinen Millionärs-Villen. Die Costa Smeralda ist das Sardinien, das auf die Postkarte kommt. Aber sie ist 35 Kilometer von Olbia entfernt, und der AIDA-Shuttle fährt hin und zurück mit 45 Personen im Bus.
Ich habe mir die drei Varianten morgens am Terminal durchgerechnet:
| Variante | Preis | Dauer unterwegs | Zeit vor Ort | Für wen geeignet |
|---|---|---|---|---|
| AIDA „Costa Smeralda klassisch" | 89 € | 2× 45 Min Bus | ~4 Stunden | Wer die Jet-Set-Optik gesehen haben will |
| Mietwagen ab Hafen (Solo) | ~60 € | 2× 40 Min | flexibel | Wer zu zweit ist und schon in Italien gefahren ist |
| Olbia zu Fuß, kein Ausflug | 0 € | 0 | den ganzen Tag | Wer Solo unterwegs ist und Stadtrhythmus mag |
Für eine Solo-Reisende wie mich rechnete sich nichts davon wirklich. 89 € für ein paar Stunden Luxus-Guck-Tour, in denen ich keine Person kennenlerne und nicht einmal schwimmen gehe (der Bus stoppt nur für Fotos). Mietwagen allein auf einer italienischen Insel, die ich zum ersten Mal sehe? Nein danke, das wäre eher Stress als Urlaub.
Die dritte Option war nicht „Plan B". Sie war von Anfang an mein Plan A, ich habe nur kurz überlegt, ob ich mich schuldig fühlen sollte, weil ich die berühmte Sehenswürdigkeit auslasse. Tue ich nicht. Nicht mehr.
Mein Reality-Check
Die Costa Smeralda ist für Millionäre gebaut, nicht für AIDA-Tagesgäste. Wer einen Sardinien-Urlaub plant, kommt wieder und mietet ein Haus in Porto Rotondo. Wer einen Hafentag hat, bleibt besser in Olbia.
Mein erster Eindruck — Olbia hat keinen Kulissen-Druck
Der Cruise Terminal in Olbia liegt am Isola Bianca, einer Art Industrie-Ausläufer am Nordende der Bucht. Von dort sind es rund zwei Kilometer zu Fuß in die Altstadt — oder zehn Minuten mit dem kostenlosen Hafen-Shuttle, den AIDA hier (ungewöhnlich) ohne Aufpreis anbietet.
Ich laufe. Der Weg führt am Hafenbecken entlang, vorbei an kleineren Fähren nach Korsika und La Maddalena, an Fischerbooten mit Netzen zum Trocknen. Nach fünfzehn Minuten ändert sich der Charakter: aus Industrie wird Stadt, aus Stadt wird Altstadt. Plötzlich stehe ich vor einer Piazza mit einem schlafenden Esel als Wappen, und ich weiß: ich bin angekommen.
Der erste Geruch, den Olbia mir schickt, ist Espresso. Um zehn Uhr morgens sitzt in jedem der sechs Cafés rund um die Piazza Margherita jemand mit Zeitung. Nicht Touristen — Einheimische. Männer im gebügelten Hemd, die eine halbe Stunde für ein Glas Wasser und einen Caffè corretto brauchen. Frauen mit Einkaufsnetzen, die kurz stoppen, um den Barista zu begrüßen.
Der zweite Eindruck ist die Größe. Olbia hat rund 60.000 Einwohner, die Altstadt ist vielleicht zehn Straßen breit. Nach einer Stunde Spaziergang habe ich sie praktisch einmal durchgelaufen. Das hat mich zuerst irritiert — „ist das schon alles?" — und dann befreit. Ja, das ist alles. Und das reicht völlig für einen Tag.
Der dritte Eindruck ist das Licht. Sardinien hat ein anderes Licht als Mallorca oder das italienische Festland. Härter, klarer, mit mehr Weiß drin. Die Pastellfassaden an der Via Garibaldi sehen aus, als wären sie gestern gestrichen worden. Die Steinmauern der San Simplicio-Basilika, die ich am Nachmittag besuche, leuchten fast unangenehm hell in der Mittagssonne.
Der Vormittag — Markt, Kirche, Café
Mein Vormittag in Olbia besteht aus drei Stationen, die alle fußläufig beieinanderliegen. Kein Taxi, kein Bus, kein Plan mit Uhrzeiten. Nur die grobe Richtung „Altstadt im Uhrzeigersinn".
Mein Olbia-Vormittag:
- 10:00 Uhr — Mercato Civico Olbia (Via Acquedotto). Kleiner Markt in einer 1950er-Halle. Fisch, Käse, Obst. Kostenlos zum Rundgang, 5 € für einen Bund frische Tomaten und eine Zitrone, die ich abends an Bord zum Aperitif esse.
- 10:45 Uhr — Espresso bei Bar Nuovo am Corso Umberto. 1,20 € am Tresen, 2,50 € am Tisch. Ich stehe am Tresen, weil das der einzige Ort in Italien ist, an dem man wirklich als Einheimische durchgeht.
- 11:30 Uhr — San Simplicio-Basilika. 12. Jahrhundert, romanisch, kostenlos. Klein, dunkel, mit einem Krypta-Bereich, in dem es nach altem Stein riecht. 20 Minuten reichen, um sich davon anrühren zu lassen.
- 12:15 Uhr — Via Garibaldi. Die schmale Einkaufsstraße in der Altstadt. Keine Luxus-Marken, sondern lokale Boutiquen mit sardischen Leinenhemden, Kork-Handtaschen und Keramik-Schüsseln. Ich kaufe nichts und bereue es am Abend ein bisschen.
Was mich an diesem Vormittag überrascht hat: wie wenig Kreuzfahrer in der Altstadt unterwegs sind. Olbia ist kein typischer AIDA-Hafen in dem Sinne, dass die meisten Gäste in Bussen Richtung Costa Smeralda oder La Pelosa-Strand verschwinden. Das heißt: die Altstadt gehört den Einheimischen und den wenigen Durchfahrern wie mir. Kein Cruise-Traffic, keine Gruppen-Fotos vor jedem Zebrastreifen.
Mittagessen — die Via Garibaldi-Regel
Ich habe in Civitavecchia gelernt, nie das erste Restaurant direkt am Hafen zu nehmen. In Olbia gilt dieselbe Regel, nur anders: nie das erste Restaurant direkt am Corso Umberto. Der ist die Haupt-Flanier-Meile, und die Pizza dort kostet das Doppelte und kommt aus dem Tiefkühler.
Zwei Straßen nach Osten, auf der Via Garibaldi, liegt Trattoria Gallura — ein kleines Familien-Lokal mit Tafel-Karte, 18 Plätzen und einer Signora an der Kasse, die jedes Gericht persönlich ausruft, wenn es aus der Küche kommt. Mittags ab 13 Uhr voll, aber solo bekommt man immer einen Platz am Zwei-Personen-Tisch vor dem Fenster.
Ich habe bestellt: Zuppa gallurese (eine sardische Brot-Käse-Suppe aus der Gallura-Region, 7 €), ein Secondo mit Bottarga (sardischem Fisch-Rogen über Hausgemachter Pasta, 12 €), und einen Mirto-Digestif zum Abschluss (Likör aus Myrtenbeeren, 3 €). Gesamt: 22 € ohne Aufdrängungsmenü, mit echtem Sardinien-Geschmack und einer Rechnung, die ich nicht mit Taschenrechner prüfen musste.
Wer einen Mittelmeer-Reiseführer mit Sardinien-Kapitel (Werbung) (Werbung) auf der Reise dabei hat, findet das Sardinien-Kapitel in den üblichen Guides eher dünn — aber die kulinarischen Hinweise zu Bottarga, Pecorino Sardo und Mirto sind ein guter Startpunkt für mittags.
Was ich gelernt habe — die Anti-Strand-Entscheidung
Ich hatte zwischendurch einen kurzen Anfall von Reue. Es ist Anfang Juni, es sind 27 Grad, und Sardinien ist für seine Strände berühmt. Warum sitze ich in einer Altstadt-Trattoria statt im türkisen Wasser?
Die ehrliche Antwort ist: weil ich Solo unterwegs bin und kein Auto gemietet habe. Die zugänglichen Strände in Olbia-Laufnähe sind Pittulongu (7 km nördlich, mit dem Stadtbus Nr. 9 erreichbar, 1,50 € pro Fahrt, ~25 Min Fahrzeit) oder La Playa (in der Bucht, zu Fuß 40 Minuten vom Terminal). Beide sind nett — Pittulongu hat feinen Sand, La Playa ist familiär und flach. Aber beide sind auch nur Strand. Keine Dusche am Bus-Stop, keine Umkleide, keine Schließfächer. Als Solo-Reisende hieße das: Handtuch, Schwimmsachen, Wertsachen, alles gleichzeitig managen. Mit 27 Grad und einem Schiff, das um 18 Uhr ablegt, ist das kein Vergnügen, sondern Logistik.
Ich habe mir gesagt: der Strand-Tag kommt in einem anderen Urlaub. Auf einer Kreuzfahrt zählt der Tag an Land, nicht der Tag im Meer. Die sechs Pools an Bord der AIDAnova reichen fürs Schwimmen. Was ich an Land brauche, ist das Gegenteil vom Schiff: Stille, Einheimische, echte Cafés.
Was ich mir für den nächsten Solo-Hafentag merke:
- Mit Auto wäre Sardinien komplett anders — La Pelosa im Norden oder Cala Brandinchi ginge dann in 60 Minuten.
- Zu zweit hätte ich einen Mietwagen genommen, weil der Stress geteilt gewesen wäre.
- Solo + kein Auto heißt: Stadt statt Strand. Das ist keine Einschränkung, das ist ein bewusster Modus.
- Handtuch einpacken — selbst wenn man nicht schwimmen geht, ist ein Handtuch am Wasser immer gut. Ich habe es nicht mitgenommen und meinen kleinen Picknick-Platz an der Hafen-Promenade auf einer Bank verbracht statt auf dem Boden.
Mein Geheimtipp — die Bucht nach dem Espresso
Ich habe um 14:30 Uhr meinen zweiten Espresso an einem Ort getrunken, den in keinem Reiseführer steht: einer kleinen Bar am Molo Brin, direkt am Wasser, vielleicht 400 Meter vom Cruise Terminal entfernt auf dem Weg in die Stadt. Bar Molo, von außen unscheinbar, ein Blechdach, sechs Plastikstühle.
Der Barista — ein Mann in den Sechzigern, Stirn tief sonnengebräunt — hat mir wortlos einen Espresso und ein Glas Wasser hingestellt, als ich „un caffè, per favore" sagte. 1,10 €. Ich habe eine Stunde dort gesessen und aufs Wasser geguckt. Fischer haben ihre Netze ausgelegt. Ein Mann mit einem alten Hund ist zweimal vorbeigelaufen. Ein Touristenpaar aus Deutschland hat kurz angehalten, hat den Preis mit Unglauben angehört („eins-zehn?") und ist dann eingekehrt.
Das war mein eigentlicher Olbia-Moment. Nicht San Simplicio, nicht der Markt, nicht mal die Zuppa gallurese. Eine Plastik-Stuhl-Bar am Wasser, wo niemand mich beachtet hat und die Zeit einfach so vorbeigelaufen ist.
Zurück zum Schiff — keine Eile
Die AIDAnova legt um 18:00 Uhr wieder ab. All-aboard ist um 17:30. Von Molo Brin zum Terminal sind es 15 Minuten zu Fuß — ich bin um 16:45 Uhr losgelaufen, habe um 17:00 die Gangway erreicht, und hatte noch genug Zeit für eine Dusche vor dem Abend-Buffet.
Was mich an Olbia am meisten beeindruckt hat: die Hafen-Stadt zwingt einem nichts auf. Es gibt keine Kathedrale, die man „gesehen haben muss". Keine Bucht, die fotografiert werden will. Keine Shop-Straße, auf der die Souvenirs ins Auge springen. Olbia ist ein Ort, an dem man einen Tag verbringen kann, ohne später etwas zu berichten — und genau das macht sie für den fünften Hafen einer Kreuzfahrt perfekt.
Ich bin mit dem Gefühl zurück an Bord, dass ich heute zum ersten Mal auf dieser Reise nichts „abgearbeitet" habe. Nur einen italienischen Hafen-Tag gelebt, wie ihn die Einheimischen leben. Das ist, wie ich nach dieser Reise weiß, der eigentliche Punkt der ganzen Sache.
Für alle, die nach dieser Sardinien-Passage noch fragen, was ich in der Innenkabine anders machen würde: das habe ich hier aufgeschrieben. Und warum Civitavecchia besser ist als Rom, steht drei Häfen zurück.
Natalie
Wenn das Schiff abends ablegt und die Lichter der Stadt kleiner werden, weiß ich wieder, warum ich das mache.
